Die Entdeckung der Langsamkeit (OSHOTIMES)

Seit 1997 leitet Michaela Riedl Seminare und Massagen für Menschen, die mehr über sich selbst und die Kraft ihrer Sexualität erfahren möchten. Zusammen mit ihrer Partnerin Gitta Arntzen gründete sie vor zwei Jahren in Köln die Massage-Praxis « AnandaWave®-Raum für sinnliches Erleben ». In der stilvoll eingerichteten, 230 qm großen Praxis sind mittlerweile 23 Mitarbeiterinnen beschäftigt. Neben dem Massagebereich bietet AnandaWave auch Ausbildungen, Seminare, Workshops, Vorträge und Abendgruppen, die sich im weitesten Sinne mit den Themen Sexualität und Tantra beschäftigen. Eine der Schwerpunkte der Praxis sind die Yoni- und Lingammassage. « Yoni » bezeichnet im Sanskrit den weiblichen Genitalbereich, « Lingam » den männlichen. Michaela Riedl bevorzugt diese Terminologie zum einen, weil Scheide, Vagina und Penis so abstrakt und unerotisch klingen, zum anderen, weil die Sanskritwörter Yoni und Lingam den gesamten weiblichen bzw männlichen Genitalbereich umfassen. Michaela Riedl, Gitta Arntzen und ihre Mitarbeiterinnen wollen Menschen einen schuldfreien Zugang zu ihrer Sexualität und Sinnlichkeit eröffnen. Tatsächlich hat Sexualität mit einer unglaublichen Langsamkeit zu tun. Es geht um Intimität, und die braucht Zeit. 

Wir leben heute in einer übersexualisierten Welt. Vor allem in den Medien und in der Werbung werden wir ständig von Sex angesprungen, – andererseits gibt es Untersuchungen, denen zufolge immer mehr Menschen ohne Sex leben. In vielen Paarbeziehungen herrscht « tote Hose » und Lustlosigkeit. Was können Menschen tun, um auf eine natürliche Art wieder ihren Sex zu entdecken?

Am allerwichtigsten scheint mir, dass wir uns von den Bildern lösen, mit denen wir heute überschwemmt werden. Das sind ja totale Trugbilder ! Wenn man ins Internet geht oder sich im Fernsehen anschaut, wie Sex dargestellt wird, dann sind das zumeist Bilder, die nichts mit der Realität zu tun haben. Und so entsteht Frust, weil man meint, dass man irgend etwas verkehrt macht. Viele denken : « Ich bin ein Versager, weil ich anders bin. » Tatsächlich hat Sexualität aber mit einer unglaublichen Langsamkeit zu tun. Es geht um Intimität und die braucht einfach Zeit. Das wird nicht mehr gezeigt. Das ist in den Medien verloren gegangen und so laufen die Leute irgendeinem Bild hinter her, was sie nirgends finden können.

Die Antwort liegt in der Langsamkeit, in der Intimität. Und so ist der erste Schritt, wenn Leute in unsere Seminare kommen, um die Yoni- oder Lingam-Massage zu lernen : Tempo rausnehmen und überhaupt erstmal wieder mit dem eigenen Körper und dem eigenen Genitalbereich in Kontakt kommen. Das braucht Zeit.

In einem Interview sagtest du, Tantra habe dein Leben vollkommen verändert. Was meintest du damit?

Ich hatte immer ein Thema mit Sexualität, wasursprünglich auf meine eigenen irritierenden und verletzenden sexuellen Erfahrungen als Kind und Jugendliche zurückgeht.

Ich kam mit einer Hüftdysplasie zur Welt, die jedoch von Seiten der Ärzte viel zu spät erkannt wurde, so dass ich mit ca. einem Jahr anstatt der üblichen Spreizhose einen Gips bekam. Dieser reichte von der Hüfte bis zu den Beinen und gewährte meiner Yoni lediglich einen schmalen Schlitz. Dieser Schlitz war gerade mal groß genug, dass Stuhl und Urin entweichen konnte, jedoch viel zu klein, um meine Yoni angemessen sauber zu halten. So sorgte dieser Gips ein ¾ Jahr lang, von der Hüfte abwärts, für absolute Bewegungslosigkeit meiner Beine und für eine offene, ungeschützte und brennende Wunde an meiner intimsten und sensibelsten Stelle. Diese, auch später noch jahrelang schmerzhafte Yoni, konfrontierte mich von Anfang an mit dem Thema Sexualität.

Später in der Pubertät spürte ich während der Sexualität gar nichts. Damit fühlte ich mich vollkommen allein. Ich hatte viele Fragen und nirgends bekam ich Antworten.

Durch Tantra und durch das Lernen der Yoni-Massage hat sich innerhalb kürzester Zeit meine Sexualität verändert. Ich habe vieles ausprobiert und bekam so einen neuen Zugang. Das war tatsächlich eine sexuelle Befreiung für mich. Ich kann jetzt bestimmt nicht sagen, die Yoni-Massage sei das Allheilmittel gegen sexuelle Verletzungen. Zur Heilung gehört vieles und jeder Mensch hat eine andere Geschichte, die man anders angehen muss. Allerdings kann man durch die Yoni-Massage auf behutsame Weise mit dem eigenen Genitalbereich in Kontakt kommen und in einen Dialog gehen. Dieser Dialog ist das Entscheidende. Wenn ein Teil von mir unter Schock steht und ich nichts mehr fühle, dann ist es ganz wichtig, mit diesem Teil in Kontakt zu kommen.

Das gilt natürlich für die Lingam-Massage genauso. Auch für Männer kann sich da viel verändern. Männer stehen ja oft unter einem gewaltigen Leistungsdruck. Viele meinen sich wahnsinnig anstrengen zu müssen, um einen « hochkriegen » zu können oder um sonst eine sexuelle Leistung zu erbringen. Dabei geht es genau ums Gegenteil : Erst in dem Moment, wo der Mann sich entspannt, fließt das Blut in den Lingam und eine Erektion entsteht. Wenn der Mann sich anstrengt, dann macht er alles zu und das Blut kann überhaupt nicht hereinströmen. Interessanterweise ist das auch ein Thema bei vielen Hochleistungssportlern. Nicht wenige von ihnen haben Erektionsprobleme, weil sie auch beim Sex auf Leistung gehen. Das kann nicht funktionieren.

Gibt es eigentlich einen Unterschied, wie Frauen bzw. Männer auf die Massage reagieren?

Frauen, die hierher kommen, können meist vor der Massage sehr genau artikulieren, welche Probleme sie haben. Wenn sie dann die Yoni-Massage bekommen, ist die Kommunikation meist stockend. Wenn ich nach der gewünschen Richtung frage, bekomme ich oft keine klare Antwort. Oder ich bekomme verbal ein Ja, aber von der Yoni ein absolutes Nein. Frauen neigen auch eher dazu, etwas über sich ergehen zu lassen und auch wenn es ihnen unangenehm ist, nicht gleich etwas zu sagen. Das Problem haben wir bei Männern nicht. Wenn denen etwas nicht gefällt, sagen sie das meist sofort. Im Gegensatz zu den Frauen wollen viele Männer vor der Massage jedoch lieber nicht viel reden. Wenn man sie fragt, ob irgend etwas zu beachten sei, sagen sie meistens : Nein, alles bestens, alles easy. Wenn sie dann auf der Bank liegen, merkt man manchmal, das eigentlich gar nichts easy ist. Was letztlich jedoch den Lingam betrifft, so gibt es eine relativ einfache und direkte Kommunikation.

Insgesamt haben Frauen es leichter, sich körperlich auf die Ganzkörpermassage einzulassen. Da sind Männer oft eckiger oder auch einfach « zu ». Sexuell gesehen, sind die Männer jedoch viel offener. Männer kennen sich besser, Männer experimentieren mehr. Von daher haben sie ein anderes Selbstbewusstsein. Man merkt, die haben das selber schon öfters an sich ausprobiert. Dagegen gibt es sehr viele Frauen, die kommen mit 40 – 50 Jahren zu uns und sagen : ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie da unten angefasst. Das ist keine Seltenheit.

Tatsächlich? Frauen, die den Mut haben zu euch zu kommen und sich selber noch nie befriedigt haben?

Das finden wir auch sehr überraschend.

Gibt es eigentlich auch Männer, die bei euch massieren?

Wir haben jetzt erstmalig einen Mann ausgebildet, der als langjähriger Aryuveda-Masseur eine große Erfahrung mitbringt. Wir sind sehr gespannt, wie die Frauen das annehmen werden. Oder auch die Männer, wobei ich glaube, dass Hetero-Männer weiter lieber zu Frauen gehen werden.

Welche Frauen kommen zu euch ? Ist das eine bestimmte Schicht, ein bestimmte Altersgruppe?

Das sind Frauen mit vollkommen unterschiedlicher Herkunft : Von der Ärztin über die Fernfahrerin bishin zur Supervisorin kommen die unterschiedlichsten Frauen. Die Altersgruppe bewegt sich so zwischen 25 und 65 Jahren. Selten gibt es Frauen unter 25 oder über 65 Jahren.

Wie ist das bei den Männern?

Da bewegt sich die Altergruppe zwischen 25 und 70 Jahren, die meisten aber auch zwischen 30 und 65 Jahren. Auch bei ihnen ist die Herkunft sehr unterschiedlich. Allein preislich bedingt gibt es natürlich mehr Geschäftsleute, weil die sich die Massage eher leisten können. Handwerker und Rentner kommen dann eher nur ein bis zweimal im Jahr.

Wie schützt ihr euch vor Männern, die mit einer Bordell-Erwartung zu euch kommen?

Seitdem wir Internet haben, ist das fast kein Thema mehr. Wir sagen am Telefon sehr genau, was wir machen und vor allem, was wir nicht machen. Auch bevor die Sitzung beginnt, sagen wir das noch einmal sehr deutlich. Allerdings ist es ganz selten, dass ich einem Mann sagen muss : das ist eine Massage und bleibt eine Massage und wir haben keinen sexuellen Austausch. Meist ist das vollkommen klar.

Was heißt konkret: kein sexueller Austausch?

Das heißt konkret, dass es eine Massage ist und eine Massage bleibt. Der Gast ist vollkommen in der passiven Rolle. Natürlich geht es um Kontakt und somit auch um eine sehr persönliche Ebene. Aber nicht um eine persönlich körperliche Begegnung. Es gibt eine erotische Sphäre, aber in die gehe ich ausschließlich, um die Person in ihre eigene Erotik zu bringen – nicht um meine eigene Erotik zu nähren.

Kannst du das denn immer so trennen?

Es geht darum eine klare professionnelle Grenze zu halten. Das ist eine Herausforderung und bedarf einer ständigen Supervision, die alle Mitarbeiterinnen hier regelmässig machen.

Wenn ein Gast sagt : ich möchte zum Orgasmus kommen – helft ihr ihm dabei?

Sexualität hat sehr viele Ausdrucksmöglichkeiten und der Orgasmus ist sicherlich die stärkste davon. Wir versuchen all diese Ausdrucksmöglichkeiten von Sexualität im eigenen Erleben wieder lebendig zu machen und dazu gehört auch der Orgasmus. Wir versuchen allerdings auch den Gast dahin zu bringen, dass er sich nicht ausschließlich auf den Orgasmus fixiert.

Bei Frauen ist es ganz oft so, dass sie gar nicht an dem Punkt stehen. Da geht es oft vielmehr darum, erstmal mit der eigenen Sexualität in Kontakt zu kommen. Bei Männern zögern wir den Orgasmus sehr gerne hinaus, damit sie auch den Weg und nicht nur das Ziel genießen.

Geht es bei der Massage eigentlich in erster Linie um Wohlbefinden und Erotik oder habt ihr auch einen therapeutischen Anspruch, mittels der Massage sexuelle Blockaden aufzulösen?

Es geht um beides und ich denke nicht, dass man das von einander trennen kann. Ich kenne nichts, was Blockaden so schnell auflöst wie Lust. Daher versuchen wir die Männer und Frauen die zu uns kommen, wieder in Kontakt mit ihrer eigenen Lust zu bringen. Wenn ich mit jemanden dahin gehe, bin ich automatisch in einem therapeutischen Bereich. Natürlich kommen auch Leute hier hin, die haben überhaupt kein Thema, die wollen sich einfach eine gute Massage gönnen. Vor allem Männer, die einen stressigen Tag hinter sich haben und einfach Lust auf eine Massage haben. Wir versuchen dann, ihnen zu helfen mit ihrer Sexualität mehr in die Tiefe zu gehen.

Sexualität hat soviele verschiedene Ausdruckmöglichkeiten. Egal, wo ich bei jemanden anfange, letztlich läuft es auf das Gleiche hinaus. Es geht um die Freude an der Lust, am Leben und an der eigenen Lebendigkeit. Ob ich bei jemandem direkt mit der Lust anfange und von hier aus in die Tiefe gehe, oder ob jemand erst durch Tränen, Trauer und Wut gehen muss…

Glaubst du, dass die Massage auch bei Missbrauchsfällen, wo Menschen überhaupt kein Gefühl mehr für ihren Körper haben, ein Weg der Heilung sein kann?

Seitdem ich das Buch geschrieben habe, kommen Frauen von überall her und mit den unterschiedlichsten Themen in unsere Praxis. Zum Teil kommen sie mit der Erwartung, sie nehmen hier eine zweistündige Massage und dann sei der Knoten geplatzt. Das ist natürlich eine Sackgasse. Wenn jemand ein Missbrauchsthema hat, lässt sich das nicht durch eine und auch nicht durch 10 Tantramassagen vollständig auflösen. Es unterstützt den Weg zur Heilung jedoch sehr. Das kann ein Anfang sein, ein Funke, wo eine Idee entstehen kann, was alles noch möglich ist und wie wieder Kontakt entstehen kann.

Sexuelle Heilung muss auf vielen Ebenen geschehen. Das gilt auch für Männer. Deswegen arbeiten wir hier in der Praxis eng mit Constanze Rinck, einer Sexual-Therapeutin, zusammen. Außerdem wollen wir jetzt Massage-Packete mit fünf bis zehn Sitzungen für Frauen und Männer anbieten, wo Schrittchen für Schrittchen eine Entwicklung stattfinden kann. Zum Beispiel jemanden, der kein Körpergefühl mehr hat, spüren zu lassen, wie fühlen sich die Tücher auf dem Körper an? Was fühlt sich gut an – was nicht ? Die ersten Sitzungen geht es dann nur darum. Und dann fangen wir vielleicht langsam an, die Yoni bzw. den Lingam sanft von außen zu berühren, den ganzen Bereich drum herum, den Beckenboden, die ganze Muskulatur. Das braucht Zeit, das geht nicht in einer Sitzung. Da ist es ganz wichtig, das eigene Tempo zu entdecken und die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu achten.

Welche Bedeutung hat Meditation für eure Arbeit?

Sexualität in ihrer wirklichen Tiefe ist Meditation pur. Der Tanz zwischen den Polen, zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, zwischen Spannung und Entspannung, zwischen Kontraktion und Loslassen. Nirgends ist die Polarität des Lebens so stark spürbar und somit auch dessen Verschmelzung, das Gefühl von Eins-Sein.In der Sexualität sind die Menschen meist sehr aktiv. Doch dadurch, dass es während der AnandaWave-Tantramassage nur ein Empfangen gibt, sind der Körper und das ganze Sein eingeladen, in einen glückseligen, friedlichen und ruhigen Raum zu kommen. Diesen Raum während der Yoni- bzw. Lingammassage, bezeichne ich gerne als « erotische Trance ». Wenn durch die Veränderung im Nervensystem, während der Massage, die Energie in den ganzen Körper wandert, kommt es nach der Massage zu einer Ruhe wie in einer tiefen Meditation. Das ist der Moment, in dem wir einen unglaublichen Frieden und eine Glückseligkeit erfahren können. Es ist die Zeit, in der sich Veränderungen manifestieren können.

Erschienen in der OSHOTIMES August 2007