Dipl. Phys. Johannes B.

Liebe Michaela,

kurz habe ich in die Regelung zum Prostituiertenschutzgesetz hineingeschaut, und beim Satz „Prostitutionsveranstaltungen sind … Veranstaltungen, bei denen von mindestens einer der unmittelbar anwesenden Personen sexuelle Dienstleistungen angeboten werden“ ist die Diskussion auch schon wieder zu Ende, denn in dem Seminar bei Euch fand das genau nicht statt. Ich wüßte auch nicht, wer die Prostituierte sein sollte, die da zu schützen wäre. Die Teilnehmer ? Die Seminarleitung ? Vor wem ?

Ich praktiziere Neo-Tantra gemäß Osho seit 2005. Dabei handelt es sich in meiner Wahrnehmung um eine sehr gekonnte Verbindung aus Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung, Elemente des Schamanismus, Meditation, Tanz und achtsamen Ritualen bis hin zu einer Öffnung zu spirituellen Fragestellungen, somit ist der tantrische Weg und Prostitution geradezu gegensätzlich.

Konkret habe ich im Seminar viele Aspekte wiedergefunden, die ich mit Tantra verbinde, als da wären: Achtsamkeit, Grenzen erspüren und beachten, Stille, Bewußtheit, Meditation, Konzentration auf den Atem, aktives Zuhören, erwachsene Kommunikation, Ausdruck körperlichen Fühlens durch Tanz, Bewegung und Berührung. Auf dieser breiten Basis durfte ich ein filigranes System von Massagegriffen, Techniken und anatomischem Wissen lernen. Der Kern ist das absichtslose Geben ohne Zielerwartung bei Massierendem oder Massiertem. In meinen Aufzeichnungen habe ich es so formuliert: „mach dich zum Kanal für die Energie, die größer und älter ist als wir. Laß sie durch dich hindurch auf die empfangende Person fließen.“

Ja, die massierende Person und die massierte Person sind nackt.
Ja, die massierte Person wird berührt.
Ja, die massierte Person kann Erregung empfinden, oder Glückseligkeit, Wut, Zorn, weit zurückliegende Kindheitserinnerungen, Schmerz vergangener Generationen, oder gar nichts.
Ja, Tantra befaßt sich (auch) mit Sexualität.

Für mich ist Tantra ein spiritueller Weg, der Körper, Geist und Seele vereint und somit die Sexualität nicht ausgrenzt sondern in seiner Natürlichkeit, Kraft und Kreativität mit integriert. All das wäre eigentlich Aufgabe der Religionen gewesen, aber aus verschiedenen Gründen konnten sie das nicht leisten. Im Ergebnis sehen wir bis heute gesellschaftliche Stigmatisierung, ja die Prostitution selbst und ihre Regulierung ist eine Folge davon.

Man könnte die aktuelle Situation begreifen als eine Behörde, die in gutem Willen über das Ziel hinausschießt. Der Begriff „Tantra“ wird im Rotlichtgewerbe aus Marketinggründen verwendet was es ihr sicher nicht leichter macht, und auch Osho hat den Begriff aus dem Zusammenhang gerissen.

Ich persönlich bin da allerdings empfindlicher. Neo-Tantra ist für mich gelebte Spiritualität, juristisch gesehen etwas religiöses. Und genau dort möge sich der Staat bitte heraushalten. Für mich ist nichts privateres denkbar, als Spiritualität und achtsame Berührung.