Dr. med. Marco de Carvalho (Grundseminar November 2019)

Ich bin Arzt, Traumatherapeut und Systemischer Paar-/Sexualtherapeut, 58 Jahre alt, verheiratet, und war über die Empfehlung einer schweizerischen Kollegin neugierig auf die Wirkung von professioneller Tantra-Massage geworden.

Die Essenzen aus dem Grundseminar waren für mich:

1. Die neue Entdeckung der Langsamkeit

Als Therapeut weiß ich um die Bedeutung der Trias: „Zu viel – Zu schnell – Zu plötzlich“ bei der Entstehung von Traumatisierungen allgemein. Das Gegenteil davon „Wenig – Langsam – Aufklärend“ erlebte ich in diesem Grundseminar, das in 7 Tagen (Mo.-So.) einen sorgsamen Bogen spannte, um in kleinen, gut zumutbaren Schritten der Annäherung langsam und informativ an den Umgang mit Nacktheit, Berührung und Verletzlichkeit sowohl im körperlichen als auch seelischen Sinn heranzuführen. Eigentlich war es nicht neu, aber in diesen Tagen habe ich ganz besonders erlebt, wie erfüllend und ordnend sich langsamer Augenkontakt und Körperkontakt auswirken und die Sehnsucht nach Gesehen- und vor allem Gehaltenwerden bedienen – ja sogar stillen. Das zu sagen ist mir ganz wichtig, weil ich nach diesem Seminar noch viel stärker in mir ruhe und mich bei Auseinandersetzungen ungewöhnlich entspannt fühle. In mir und der Mehrzahl der Teilnehmer konnte ich solche Prozesse gewachsener Selbstliebe beobachten, deren Gewahrwerden mitunter schmerzhaft war und phasenweise für nachdenkliche Tränen sorgte. Mir war, als seien wir für die heutige, beschleunigte Welt biologisch nicht gemacht und als stumpfen die Sinne angesichts der zunehmenden Reizüberflutung immer mehr ab, wo hingegen in so einem Kurs diese Sinne auf fast spielerische und doch sehr respektvolle Weise wieder geweckt werden. Und für diese Umstellung war ausreichend Zeit da.

2. Die fundamentale und heilende Wirkung des Gehaltenseins im Dienste der Selbstliebe

Wesentlicher Bestandteil der beigebrachten Tantra-Massagen im Kurs waren langsame, lang anhaltende Phasen des körperlichen Gehaltenwerdens (fast wie bei einem Baby), des geduldigen Rahmengebens und sorgfältigen Achtens auf angemessenes Schritthalten mit dem, was das Gegenüber an Bereitschaft und Grenze signalisiert. Die Langsamkeit des Vorgehens und die Aufforderung zu klarer Signalgebung, was gefällt oder unangenehm ist, ermöglichten die Entfaltung von Sinnlichkeit in einem Gefühl von großer Sicherheit. Ich selbst habe mich dabei gewundert, wie wenig erregt ich bei der vielen Nacktheit attraktiver Menschen und sinnlicher Berührung war. Stattdessen war ich extrem berührt und dankbar bei diesem Gehaltenwerden und den hingebungsvollen Berührungen voller Zartheit und auch Kraft. Es war wie ein Auftanken von etwas, das mir lange gefehlt hatte. Nach dem Kurs ertappte ich mich immer wieder dabei, wie gerne ich mich plötzlich einfach so am Arm oder Hals streichle und sogar öfter ein Vollbad nehme, was ich vorher nie machte – einfach, um umschlossen zu sein. Seitdem lebe ich dauerhaft in einer vorher selten gekannten Körperruhe und staune über die Selbstverständlichkeit, mit der ich meine Bedürfnisse sensibler wahrnehme.

3. Die entspannte Körperlichkeit ohne Absicht

Bis dato lernte ich derart intensive Körperlichkeit entweder mit der Absicht, eine perspektivorientierte Bindung mit einer Frau einzugehen oder mit ihr eine sexuelle Affäre zu entwickeln. Im Kurs war diese Absicht zumindest bei mir nicht vorhanden. Und tatsächlich war es gerade bei der Intimmassage trotz Erregung ein seltsames Gefühl von Klarheit, dass das hier nur für diesen Moment gilt. Bei der nächsten Übung kam ein anderer Partner, der auch gleichgeschlechtlich sein konnte. Und das war wirklich eine schöne Erfahrung, als Mann einen Mann hemmungslos zu massieren bzw. sich von einem Mann intensiv intim berühren zu lassen. Und es war so schön gleich gültig – gleiche Gültigkeit für Mann und Frau. Es ging um MEIN sinnliches Erleben – egal wer mir diese Erfahrung schenkte. Unglaublich. Und es war gleichermaßen schön.

5. Die tiefe Sehnsucht nach Verehrung der gegenseitigen Geschlechtlichkeit

Ein wunderschönes Element im Kurs war die Auftrennung der Teilnehmer in Männer und Frauen, um zu überlegen, mit welchem Ritual man das andere Geschlecht ehren könnte. Ich fand diese Haltung, dass Männer die Frauen und deren Weiblichkeit (auch spirituell im Yin-Prinzip) und dass Frauen die Männer und deren Männlichkeit (Yang-Prinzip) ehren, richtig schön. Beide Gruppen hatten sich extrem berührende Rituale geschenkt, sodass über der Hälfte aller Teilnehmer die Tränen in den Augen standen. Für mich war es so, als hätte ich mein Leben lang auf so einen Moment gewartet (ohne allerdings zu wissen, dass ich warte). Der ganze Körper zitterte vor Ergriffenheit schon in der Vorbereitungsphase und konnte sich sowohl beim Beschenktwerden als auch beim Schenken kaum halten, so überwältigend schön war diese mächtige Geste. Und die Männer waren am Ende noch von ihrer gemeinsamen Männlichkeit zu Ehren der Frauen ergriffen. Für mich war das der Höhepunkt des Kurses. Gleichzeitig wurde mir schmerzhaft deutlich, wie wenig ich diese Art von Ehrung bei meinen Partnerinnen beachtet habe. Wieder Tränen.

Besondere Anerkennung verdienen:

1. Die hochprofessionelle Organisation dieses Grundseminars

Als Arzt und Therapeut habe ich eine Vielzahl von Tagungen, Fortbildungen und Workshops erlebt und glaube, mir ein Urteil über die Professionalität von solchen Fortbildungsveranstaltungen erlauben zu können. Dieses Seminar war von Anfang bis Ende ungewöhnlich gut durchorganisiert und vorbereitet, so wie ich das selten erlebt habe. Gleichzeitig blieben alle Trainer sehr präsent, flexibel und bereit für Unvorhergesehenes, menschlich nahbar und doch höflich abgrenzend und erzählten mit liebevoller Authentizität praxisrelevantes und anwenderorientiertes Wissen über achtsame Sexualität, das mir sogar bei meiner 2-jährigen Ausbildung zum Sexualtherapeuten fehlte. (Und die war wirklich alles andere als schlecht.) Ein echter Mehrwert!

2. Die stabile Rahmung und umsichtige Versorgung der Teilnehmer

Bei intimen Begegnungen dieser Art ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass eigene schmerzhafte Erfahrungen im Umgang mit Nähe (z.B. nach Vertrauensverletzungen) und Distanz (z.B. Angst, abgelehnt oder allein gelassen zu werden), geschweige denn Grenzverletzungen wach werden und zu überwältigenden Prozessen führen können. Das habe ich einige Male mitbekommen. Ich hatte durchweg das Gefühl, dass die Trainer, die ja alle keine Therapeuten waren, sehr aufmerksam die Dynamiken aller Teilnehmer im Auge hatten und sich darüber auch untereinander austauschten und sofort auf die entsprechenden Teilnehmer zugingen, zuweilen separat mit ihnen in einem geschützten Raum sprachen und sich um sie kümmerten. Weiterhin hatten sie ein gutes Gespür für die Gruppendynamik, wenn Ermüdungserscheinungen oder Verunsicherungen auftauchten, und gingen sofort darauf ein. Immer wurde auf die Vollständigkeit der Gruppe geachtet und mit echter Sorge, als eine Teilnehmerin unangemeldet einfach abgereist war, ob sie denn auch gut versorgt sei. Und ohne dass viel gesagt werden musste, fügte sich die ganze Teilnehmergruppe fast von allein in eine Gruppendisziplin, die ein ungestörtes und konzentriertes Arbeiten ermöglichte. Regelmäßige Feedback-Runden in Klein- und Großgruppen sorgten dafür, dass die Stimmung transparent wurde und das ausgeprägte Ausdrucksbedürfnis gestillt werden konnte. Bei den praktischen Übungen beobachteten die Trainer aufmerksam das Geschehen vom Hintergrund und spürten gleich, wenn es bei dem einen oder anderen Paar zu Unsicherheiten kam und gaben gute Hilfestellungen. Wirklich eine bemerkenswert gut eingespielte Truppe.

3. Die Liebe zum Detail

Was mich zudem beeindruckte, war die Liebe zum Detail. Das betraf neben hochwertiger technischer Ausstattung incl. anatomischen Anschauungsmaterials vor allem die liebevolle Dekoration; wundervoll stimmige und nahezu perfekt abgestimmte Musik sowohl als Hintergrundmusik als auch zu den verschiedenen Phasen des Tages; dezente Düfte; gedimmtes Licht; üppige, ansehnliche Pausenverpflegung; gut gemachtes Infomaterial; sorgsame Aufklärung über die weiteren Schritte und Phasen des Tages; gemeinsames Mantrensingen und Tönen; und am Ende ein unerwartet feierliches Fest mit einer Erhabenheit, die alle ergriffen hat.

Die Wirkung der Liebe zum Detail wurde mir aber auch in den eigenen Massagen deutlich. Wenn zum Abschluss einer Ausstreichung nochmal so eben die Finger- oder Zehenkuppe gedrückt wurde, ein Hauch über die nackte Haut glitt, die Haare wie zufällig gezogen wurden, ein kurzes Trippeln hier, ein wie beiläufiges Vorbeistreichen am Penis dort oder gar die Nutzung von Gegenständen wie Seidentuch, Federn und so – alles kleine Gesten der Aufmerksamkeit, die dennoch sehr nachhaltig Freude bewirkten und die Offenheit für den Partner steigerten: „Da hat sich jemand etwas für mich in diesem Moment ausgedacht.“ Das ehrt so wie sorgsam ausgesuchte Geschenke. Alles nichts Neues, aber hier unmittelbar fühlbar, und zwar in Überdosis.

Ausblick:

Wie wirkt sich so eine Woche im Vergleich zu vorher aus?

Der auffälligste Unterschied ist die erheblich gewachsene körperliche Ruhe einerseits und ungewöhnliche Gelassenheit im direkten Kontakt mit Menschen andererseits, vor allem in spannungsreichen Momenten. Viele kleine Tätigkeiten im Alltag, also Bewegungen, wo ich etwas tue, erlebe ich einerseits langsamer und bedächtiger. Und das gibt mir wiederum mehr Raum und Kraft für flotte, schwungvolle Bewegungen in anderen Kontexten. Das Pendel zwischen Langsamkeit und Schwung schlägt also stärker aus; das gibt ein besonderes Gefühl von Lebendigkeit.

Eine verzückende Beobachtung ist, dass ich mehr mit mir selbst rede, und zwar auf eine warmherzige, verständnisvolle Art, so als wollte ich das kleine, verletzte Kind in mir umarmen und trösten. Ich bin also mehr bei mir und kann andere mit ihren unpassenden Erwartungen und Vorstellungen mehr so sein lassen, wie sie sind, und zwinkernd nachwinken. In ähnlicher Weise gelingt es mir etwas leichter, meine Bedürfnisse nicht nur wahrzunehmen, sondern mich auch darum zu kümmern, und zwar vorrangig. Mit dem Ergebnis, dass mich das zu Erledigende nicht mehr erledigt. Mehr Freiraum also.

Insgesamt drängt sich mir die Gewissheit auf, dass diese eigentlich zutiefst natürliche Art, sich und andere Menschen in großer Nähe kennenzulernen und diese Nähe sicher und lohnend zu gestalten, ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung ist. Und dafür bin ich Euch und dieser Woche mit Euch sehr dankbar.

Liebe Grüße
Marco