Renate Söhner über “Lingam-Massage”

“Das Religiöse und das Geschlechtliche sind die beiden stärksten Lebensmächte. Wer sie für ursprüngliche Widersacher hält, lehrt die ewige Zwiespältigkeit der Seele. Wer sie zu unversöhnlichen Feinden macht, zerreisst das menschliche Herz. Und es ist zerrissen worden! Wer über Religion und Erotik nachsinnt, muss den Finger an eine der schmerzlichsten Wunden legen, die in der Tiefe des Menschen blutet.”
(Walter Schubart, Religion und Eros, 1941)

Ein Beitrag zur Heilung dieser Wunde ist zweifellos Michaela Riedls Buch zur Lingam-Massage.

Obwohl, oder vielleicht weil es schlicht daher kommt, ist die Tiefe, die darin liegt, nicht zu unterschätzen. Die Ehrung der Sexualität, wie sie ist und von der Schöpfung gedacht ist: genussvoll, natürlich, ausgedehnt, sinnlich, übersinnlich, vielleicht schon mit einem Bein ‘drüben’, ist auch in der tantrischen Literatur selten.

Leider sind auch viele Traditionen des Tantra letztlich sexualfeindlich oder zumindest stark reglementierend. Die pure sinnliche Lust wird oft nur als vorläufige, niedere Form für das eigentlich Sakrale gehalten. Selbst im linkshändigen tantrischen Pfad wird die Sexualität teils lediglich als Hilfsmittel für den spirituellen Weg gesehen. Als ‘Raketenstufe, die, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat, abgeworfen oder abgesprengt wird’ (Jochen Kirchhoff).

Keine Spur davon in Michaela Riedls Buch. Es finden sich keine blutleeren ‘tantrischen’ Regeln oder pseudo-spirituellen Ejakulations- und Orgasmusverbote. Hier wird die Sexualität als sie selbst geehrt, und sie darf lustvoll-ekstatisch genossen werden. Dabei geht es keineswegs nur um das körperliche Erleben der Sexualität. Dieses wird von Michaela Riedl nicht als oberflächlich oder minderwertig erachtet, sondern als Spitze des Eisbergs. Sie lädt ein, die immense Tiefe der energetischen Dimension der Sexualität kennen zu lernen. Dafür gibt sie einen schönen Einblick in die jahrtausende alte Philosophie des Taoismus.

Wahrhaft tantrisch ist das Buch auch deshalb, weil es das befreiende ‘Du darfst’ atmet. Du darfst so sein, wie Du bist, Du darfst männlich, kraftvoll stark sein, Du darfst hingebungsvoll, genüsslich und ohne Erektion sein, Du darfst ejakulieren, Ddu darfst orgasmisch sein auch ohne Ejakulation…

Weil Michaela Riedl in ihrem Buch völlig ohne ‘spirituelle’ Selbstinszenierung und ohne hochgestochen-geistige Performance auskommt, lädt sie den Leser und die Leserin ein, die Sexualität ebenfalls ganz ohne Performance zu feiern, zu üben, zu leben, zu genießen, zu lieben. Sie führt die Sexualität wieder zurück in den Bereich der Liebe, der Freiheit und des ehrlichen Geistes. Dies ist der eigentlich spirituelle Aspekt daran.

Es ist ein wunderbares Buch für Frauen weil sie viel über männliche Sexualität und die außergewöhnliche Massage des männlichen Intimbereichs lernen. Es ist ein wunderbares Buch für Männer, weil sie aufatmen können und weil sie die Liebe zu ihrem Mann-sein kultivieren können.

Renate Söhner