Sabine Haupt

Absichtslose Körperlichkeit – ein Teil der seelischen Gesundung

Ein Grundbedürfnis des Menschen ist es berührt zu werden. Bei Säuglingen ist der Körperkontakt eine Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung. Und auch bei Erwachsenen ist der körperliche Kontakt ein wesentliches Bedürfnis. Es ermöglicht es dem Menschen, sich selbst zu spüren und damit in seinem eigenen Körper zu Hause zu sein.

In unserer heutigen Zeit ist Körperlichkeit zwar allgegenwärtig. Jede Zeitschrift zeigt nackte Haut, im Fernsehen wird Freizügigkeit und Sexualität all überall gezeigt. Doch dabei werden Maßstäbe gesetzt, die für Menschen nur noch zum Hindernis werden, sich und ihren Körper mit einem Gefühl der Zuneigung und Achtung zu sehen. Denn mit dem heutigen Schönheitsideal, das niemand erreichen kann, werden wir alle zum Opfer. Wir müssen sogar in der Begegnung mit unserem Partner und Partnerin eine Leistung erfüllen. Dies ist nicht heilsam.

Eine absichtslose Körperlichkeit ist in unserer Gesellschaft nur noch beim Friseur möglich. Dort darf ich mich an der Kopfhaut berühren lassen, ohne dass dies einen Makel hat. Nur deshalb gehen so viele Menschen so häufig zum Friseur, da es eine Wohltat ist. Wo kann dieser Sehnsucht nach Berührung noch gestillt werden?

Während einer Tantra-Massage, einer sinnlichen Ganzkörpermassage, sind die Rollen ganz klar verteilt: Es gibt einen Empfänger und einen Gebenden. Die Empfangende, der Empfangende kann sich ganz und gar darauf einlassen, wie es ist, berührt zu werden. Sie, er lernt sich neu kennen. Hier gibt es keine Wertung, keinen Leistungsdruck. Es gibt nur ein hier sein, bei sich sein, zu sich kommen.

Ich bin Heilpraktikerin und arbeite psychotherapeutisch in meinem Auszeithaus an der Ostsee. Ich helfe Menschen, die an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen, sich nach einer neuen Ausrichtung sehnen. Ich arbeite dabei mit Formaten der transpersonalen Psychopsychologie und der buddhistischen Psychologie… und auch – wenn es passt –  mit körperlichen Berührung.

Ich möchte ein Beispiel anführen: Petra (Name ist geändert) hatte Probleme mit ihrem Körper. Sie fühlte sich zu dick, unansehnlich, unattraktiv. Sie hatte eine Scheidung hinter sich und lebte mit ihren 2 Kindern nun allein. Sie verdient ihren Unterhalt selbstständig.
Die Sehnsucht nach Berührung war so groß, genauso wie die Ablehnung ihres eigenen Körpers. Unansehnlich, zu fett, alles muss versteckt werden. Wir haben erforscht, wo die Grenzen sind und ob diese Grenzen verschoben werden können. Wie ist es mich nackt in der Sonne zu baden? Geht das auch am Strand? Wie fühlt es sich an, nackt im Meer zu schwimmen? Wie ist es, mich selbst nackt im Spiegel zu sehen? Wie ist es, mich nackt fotografieren zu lassen? Und dann: wie fühlt es sich an, wenn ich massiert werde?

In der Tantramassage wird der ganze Körper berührt und verehrt. Dabei ist es nicht wichtig, ob auch die Geschlechtsorgane ausgiebig massiert werden. Dies entscheidet der Masseur und die Empfangende, der Empfangende ganz spontan während des Massage-Ablaufs. In Petras Fall nahm der Körper die absichtslosen Berührungen wie ein Schwamm auf. Eine ganz tiefe Entspannung war nach ein paar Minuten erreicht, ein völliges Loslassen von allen „so sollte es sein“. „Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben schön gefühlt“ war das Fazit von Petra nach der Massage.
Das war vor 2 Jahren. Bis heute hat Petra 25 Kilo abgenommen. Es war auf einmal ganz einfach, was vorher nie gelingen wollte. Sie mag sich, so wie sie jetzt ist. Sie lebt nun in einer festen Partnerschaft und erlebt eine erfüllende Sexualität. Der Aufenthalt hier im Auszeithaus war für sie rückblickend der Start in ein neues Leben.

Die Tantra-Massage-Ausbildung bei AnandaWave hat eine Berührungskompetenz in mein Leben gebracht, die es mir ermöglicht, eine gesunde Körperlichkeit meinen Klienten ganz hautnah und direkt erleben zu lassen. Nur dann, wenn es für die Klientin/den Klienten stimmt. Und nur soweit, wie es für die Gesundung möglich ist. Auch Opfer von sexueller Gewalt können sich in diesen klaren Grenzen, dieser klaren Trennung von Gebenden und Empfangenden wieder auf ihren Körper einlassen, sich wieder in ihrem Körper zu Hause fühlen.

Meine Tantra-Massage-Ausbildung ist auch ein Weg zu mir selbst. Auch ich verschiebe meine Grenzen immer weiter, da ich achtsam mit meinen eigenen Tabus konfrontiert werde. Absichtsloses Berührtsein ist inzwischen ein Bestandteil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr missen möchte. Ich wünsche mir und allen Menschen, dass sie einen weiteren Schritt zur ganzheitlichen Gesundung gehen können, in dem die Körperlichkeit wieder in mein Leben und in das Leben aller findet.

Sabine Haupt
Heilpraktikerin