Sinnliches Geben und Nehmen (Connection Spezial)

Vom 10. bis 15. April fand in der Villa Schaaffhausen bei Köln ein Tantramassage-Intensivseminar des »Ananda Wave-Instituts« statt. Wie fühlt es sich an, von fremden Händen sinnlich berührt zu werden? Ilona Bogatkova berichtet, wie es ihr dort erging.

Es war intensiv, intim und sinnlich zugleich. Das Erstaunlichste für mich war, wie schnell aus einer Gruppe fremder Menschen innerhalb weniger Tage eine mit Liebe durchtränkte Gemeinschaft zusammenwuchs. Warum sind wir in der Lage, unsere Grenzen so schnell zu überschreiten? Wieso kann ich nach so kurzer Zeit so viel Intimität mit »Fremden« zulassen?

Es ist fünf Uhr morgens. Mit gemischten Gefühlen verlasse ich in der Dunkelheit das Haus und setze mich in mein Auto. Was wird mich alles erwarten? Fünf Tage weg von zu Hause, von meiner gewohnten Umgebung, meinem Mann und meinen Kindern. Eigentlich wäre ich jetzt noch viel lieber im Bett und würde gern davon träumen, wie schön das Leben doch sein kann – von Liebe, von Geborgenheit und von tiefer Sinnlichkeit. Ich sehne mich so sehr nach diesen Dingen. Ja, ich fühle mich bei meiner Familie und bei meinem Mann aufgeräumt und zu Hause, aber ich träume so oft von einem richtigen Zuhause, das aber meistens eben nur in meinen Träumen zu finden ist.

Während ich diesen Gedanken nachhänge, bin ich bereits auf halbem Weg nach Köln. Im Rückspiegel sehe ich die Sonne aufgehen, während ich auf der A 3 weiter meinem Ziel entgegenfahre.

Mein Krafttier ist ein Affe

Punkt 12 Uhr komme ich an. Die Villa Schaaffhausen liegt in einem wunderbaren parkähnlichen Areal. Geschäftiges Treiben auf dem Parkplatz und im Park vor dem Haus lässt auf ein größeres Ereignis schließen. Mehrere Menschen drängen sich in der Empfangshalle um Jörg, der die einzelnen Kursteilnehmer begrüßt und instruiert. Alles läuft sachlich und beinahe geschäftsmäßig ab. Schließlich bringe ich meine Sachen auf mein Zimmer und finde mich dann wie die meisten der Teilnehmer im Essraum ein. Ich fühle mich ein wenig fremd; kenne ja niemanden und bin ganz alleine hier. Viele Teilnehmer scheinen sich hingegen besser zu kennen. Sie sind mit ihrem Partner oder Freunden hier; so scheint es zumindest. Das Essen ist jedenfalls ausgezeichnet. Die vegetarische Kost schmeckt hervorragend und ist liebevoll zubereitet.

Nach dem Essen treffen wir uns alle im Umkleideraum vor der Sauna. Jeder sollte einen Kraftgegenstand mitbringen. Ich habe meinen kleinen Affen dabei, den mir mein Mann bei unserem ersten Treffen geschenkt hat, und ich fühle mich dadurch nicht mehr so allein.

Außerdem sollte jeder Teilnehmer mit einer Rose kommen. Nur mit einem Sarong bekleidet warten wir nun darauf, dass wir in den Saal geführt werden. Monika, die reizende Assistentin, nimmt mich an der Hand und führt mich in den Seminarraum, wo mich Michaela und Jörg nach buddhistischer Tradition begrüßen. Mit gefalteten Händen und tief geneigten Häuptern ehren sie den Gott in mir. Die tragende und sanfte Musik, der liebliche Duft und die beiden Menschen schaffen einen Raum des Friedens und der Ruhe. Sie nennen mich Shakti, malen mir ein drittes Auge auf die Stirn und verbeugen sich noch einmal. Ich spüre ihre Freude darüber, dass sie mich hier und jetzt begrüßen dürfen.

Ein schönes Gefühl, angekommen zu sein. Monika führt mich zu meinem Platz, und die Begrüßungszeremonie geht weiter. Ich bin plötzlich ganz ruhig. Die Nervosität und Ungewissheit, die mich den ganzen Vormittag über noch begleitet hatten, sind wie weggeblasen.

Nachdem alle angekommen sind, werden wir mit der »Hausordnung« vertraut gemacht. Wir sitzen im Kreis, reichen uns den mit Federn und Lederstückchen geschmückten schamanischen »Redestab« weiter, und ich gebe dabei den anderen bereits einen kleinen Einblick in die Tiefe meiner Seele, der selbst mir bis vor Kurzem noch verborgen schien.

Gegen Ende des Tages verändert sich dann die Atmosphäre und die Stimmung in der Gruppe: Wir werden aufgefordert, uns zu bewegen. Anfänglich eher heilig anmutend, verwandelte sie sich nun durch den gezielten Einsatz von rhythmischen Klängen in ein lustig-fröhliches Tanzgelage. Ausgelassen tanze ich zu Trommelklängen, und nicht nur ich fühle mich wie ein kleines Kind.

Gestandene Männer beginnen zu weinen

Bei unserem Zusammensein sollte es darum gehen, die Tantramassage zu erlernen. Jeder hatte jedoch seine eigenen Ideen von Tantra und Tantramassage. Damit sich die Gruppe eine Vorstellung davon machen konnte, um was es Michaela und Jörg in ihrem Workshop ging, machten sie zunächst eine Vorführung ihrer Arbeit.

Wer dachte, dass Tantramassage unmittelbar mit Intimmassage und Sex zu tun hat, sah sich spätestens jetzt eines Besseren belehrt.

Tantramassage ist in erster Linie eine sinnliche Massage, die mit Hingabe, Liebe und Intimität zu tun hat. Die anmutig dargebotene Massage von Michaela trieb auch vielen gestandenen Männern die Tränen in die Augen. Es wirkt auf mich wie ein wunderschönes Kunstwerk, wenn ich die beiden sich ganz auf den gebenden und den nehmenden Part der Tantramassage einlassen sehe. Getragen von sinnlichen und kraftvollen Ritualen wird Jörg von Michaela in einem beinahe sichtbaren kokonartigen Energiefeld darauf vorbereitet, sich zu öffnen und die allgegenwärtige Liebe zu empfangen. Ich spüre die Freude von Jörg und Michaela. »Das ist es«, denke ich mir, »so möchte ich die Tantramassage auch geben«.

Keiner im Raum wagt es sich zu bewegen; alle sind wie gebannt

Was mir hier vor Augen geführt wurde ist, ja ich möchte fast sagen, ein heiliger Aspekt, der ganz sicher viel mit Heil und Heiligung zu tun hat. Ich denke, dass es die Hingabe ist, das vollkommene Einlassen auf den Partner, was diese besondere Art der Tantramassage so kraftvoll macht.

Michaela sagte mir, dass Tantra für sie eine Lebensphilosophie ist, die allem Leben tiefen Respekt entgegenbringt. Natürlich gehört dazu auch die sexuelle Energie des Menschen. Der Körper ist der Tempel unserer Seele, und die sexuelle und sinnliche Energie ist die stärkste und ursprünglichste Quelle für Lebensfreude und Kraft, die wir Menschen haben.

Die Tage vergehen wie im Fluge; kein Wunder bei diesem vollen Programm. Es bleibt kaum Zeit, die schöne Gegend und das herrliche Frühlingswetter zu genießen, da wir von morgens bis abends massieren, meditieren und das Gelernte mit der Gruppe nachhaltig vertiefen. Einen richtigen Höhepunkt hatte das Seminar aber dennoch zu bieten, der es verdient, aus dem übrigen, qualitativ sehr hochwertigen Programm herausgehoben zu werden: Die Demonstration der Yoni- und Lingammassage. Am vorletzten Tag, nachdem wir die tantrischen und schamanischen Rituale gelernt und intensiv verschiedene Massagetechniken geübt hatten, ging es nun ans Wurzelchakra. Wie zu Beginn des Seminars die Einführung, zeigten Michaela und Jörg nun eine Tantramassage mit Yoni- bzw. Lingammassage. Überflüssig zu erwähnen, dass die Vorbereitungen dafür in aller Ehrfurcht, Achtung

und Stille vonstatten gingen. So stelle ich mir das Zelebrieren einer heiligen Messe vor. Jörg zeigte uns dabei wie der »Big Draw« funktioniert, bei dem die Sexualenergie nicht nur im Wurzelchakra empfunden, sondern weiter in den ganzen Körper geleitet wird.

Jeder durfte so sein, wie er sich fühlte

Wenn ich heute zurückblicke, tue ich dies mit Wehmut. Es war eine ganz besondere und interessante Zeit für mich. Menschen, die mir vor wenigen Tagen noch fremd waren, ja vor denen ich sogar noch irgendwie Angst hatte, sind mir innerhalb weniger Tage zu echten Freunden geworden. Ich habe das Gefühl meine Familie zu verlassen, als ich am Sonntagmittag in mein Auto steige und wieder nach Hause fahre. Die Grenzen vom Ich zum Du sind aufgeweicht, und ich konnte die Nähe

der anderen zulassen. Beim Abschied kam es mir so vor, als ob ich alle Anwesenden schon seit meiner Kindheit kennen würde; anders konnte ich mir meine Gefühle kaum erklären. Vor allem Michaela und Jörg waren für mich wie Eltern. Sie boten einen geschützten und sinnlichen Rahmen, in dem jeder so sein konnte wie er sich fühlte. Es fanden Begegnungen in der Tiefe des Herzens statt. Der Ausdruck »Namaste« ist wohl der treffendste, den ich dazu kenne: Er bedeutet »Ich grüße den Gott und die Wesenheit Gottes in dir.«

Nie hätte ich gedacht, dass sich innerhalb weniger Tage ein so vertrautes Verhältnis unter Menschen aufbauen lässt. Und das Ganze »nur« durch sinnliche Berührung…

Die Tantramassage, die ja das Thema des Seminars war, rückte während der gesamten fünf Tage immer mehr in den Hintergrund.

Natürlich lernten wir die Techniken und Handgriffe dafür, aber der wahre Zauber bestand darin, diese Energie lebendig werden zu lassen. Es liegt mir absolut fern Werbung für eine Sache zu machen, dennoch wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass jeder Mensch einmal eine so tiefgreifende emotionale Erfahrung machen darf. Wie sehr würde ich es meiner Tochter wünschen, einmal diese tiefen

Gefühle erleben zu dürfen! Vielleicht würden wir uns danach wieder besser verstehen. All meinen Freunden und Bekannten würde ich dieses Erlebnis gerne schenken. Natürlich weiß ich, dass das nicht geht. Jeder muss seine Erfahrungen selbst machen, jeder ist auf seiner eigenen Reise, und wahrscheinlich haben es

die anderen ja gar nicht so nötig wie ich es hatte. Schließlich war dieses Seminar ja auch nur für mich! Eines ist mir in diesen Tagen aber unmissverständlich klar geworden: Nämlich, was es heißt, sinnlich berührt zu werden, und welche Kraft allein in der sinnlichen Berührung steckt. Die Magie dieser Berührung ist es, die uns Menschen Heilung bringt. Die sexuellen Tabus unserer Gesellschaft kommen mir auf einmal so lächerlich vor, so unbedeutend. Hatte ich vor dem Seminar hin und wieder kurz aufblitzende Bedenken über die Art meiner Tätigkeit als Tantramasseurin, so hat sich dies nun vollkommen verändert. Jetzt erzähle ich erhobenen Hauptes meinen Kindern von meiner Berufung.

Meine Arbeit, die Tantramassage, folgt nun einem ganz anderen Prinzip. Hatte ich vor diesem Seminar noch versucht, mich an Techniken und bestimmten Massagegriffen zu orientieren, so fühle ich mich heute, nach dem Seminar, wie eine Meisterin. Meine Hände gehen ihren Weg nun von ganz allein. Ich komme mir vor wie ein Dirigent, der ein ganzes Orchester in Schwingung versetzt. Meine Klienten haben diesen kleinen Unterschied bereits wahrgenommen und können sich den

Qualitätssprung nicht erklären. Ihre Dankbarkeit ist echt und sie kommt aus dem Herzen, so wie meine Arbeit nun auch ihr Herz berührt.

Gerade höre ich das Klingeln des Weckers. Die letzten Bilder meines Traums ziehen vorüber: Ich träumte, wie schön das Leben doch ist. Ich spüre tiefe Liebe in mir, ich fühle mich geborgen und tiefe Sinnlichkeit durchströmt meinen Körper. Viele sehr vertraute Menschen berührten mich und zogen ihre Kreise um mich. Ich öffne meine Augen sehe neben mir meinen Mann, atme tief ein und fühle mich zu Hause.

Ilona Bogatkova Jg. 1968, Mutter von 2 Kindern, studierte In ihrem Heimatland Russland unter anderem Psychologie. Seit 3 Jahren lebt sie bei ihrem Mann in Deutschland und betreibt mit ihm zusammen eine Heil- und Massagepraxis. 

Erschienen in: Connection Spezial August 2007