Stellungnahme zu der Teilnahme am AnandaWave-Grundseminar 2019 von Dr. med. Marco de Carvalho

Ich bin Arzt, Traumatherapeut und Systemischer Paar-/Sexualtherapeut, 58 Jahre alt, verheiratet, und war über die Empfehlung einer schweizerischen Kollegin neugierig auf die Wirkung von professioneller Tantra-Massage geworden, von der ich zuvor leider das Vorurteil hatte, erotischer Verführungsschnickschnack im Bordellmilieu zu sein. Diese Kollegin, auch Sexualtherapeutin, erzählte nämlich, dass bettlägerige Heimbewohner mit Körperbehinderungen in der Schweiz in bescheidenem Umfang Anrecht auf krankenkassenfinanzierte Versorgung mit sexueller Zärtlichkeit haben. Sie hatte als verantwortliche Organisatorin dieser Dienstleistungen dann beobachtet, dass Masturbationen durch unter Vertrag genommene Sexarbeiterinnen und Prostituierte bei den Bewohnern keine Nachhaltigkeit hatten und sogar für anhaltende Unzufriedenheit sorgten. Nach Versuchen mit Tantra-Massagen reduzierte sich die Nachfrage nach Masturbation erheblich, und stattdessen bewirkten sie eine langanhaltende Ruhe und Zufriedenheit der Heimbewohner. Mit dieser Nachricht suchte ich im Internet nach Literatur und Anschauungsmaterial. Dabei fand ich unter anderem 2 Bücher und eine DVD von Michaela Riedl mit überwiegend anerkennenden Rezensionen bei Amazon und kaufte mir deswegen die DVD. Beim Betrachten der ästhetisch gemachten Massagen incl. der Geschlechtsteile (Die Begriffe Yoni & Lingam, Shiva & Shakti und überhaupt die ganze indische Terminologie finde ich dabei etwas gewöhnungsbedürftig) machte mich meine körperliche Ruhe stutzig. Es hatte trotz expliziter Darstellung der Intimmassagen überhaupt nichts voyeuristisch Erotisierendes, sondern etwas zutiefst Inniges und Entspanntes, das mich sehr ansprach. Also habe ich mich fürs Grundseminar in ihrem Institut angemeldet und mich richtig darauf gefreut, so eine ungewöhnliche Erfahrung mit völlig fremden Menschen machen zu können, nicht zuletzt, um auch den Wert für meine paartherapeutische Arbeit zu prüfen.

Die Essenzen aus dem Grundseminar waren für mich:
1. Die neue Entdeckung der Langsamkeit
Als Therapeut weiß ich um die Bedeutung der Trias: „Zu viel – Zu schnell – Zu plötzlich“ bei der Entstehung von Traumatisierungen allgemein. Das Gegenteil davon „Wenig – Langsam – Aufklärend“ erlebte ich in diesem Grundseminar, das in 7 Tagen (Mo.-So.) einen sorgsamen Bogen spannte, um in kleinen, gut zumutbaren Schritten der Annäherung langsam und informativ an den Umgang mit Nacktheit, Berührung und Verletzlichkeit sowohl im körperlichen als auch seelischen Sinn heranzuführen. Eigentlich war es nicht neu, aber in diesen Tagen habe ich ganz besonders erlebt, wie erfüllend und ordnend sich langsamer Augenkontakt und Körperkontakt auswirken und die Sehnsucht nach Gesehen- und vor allem Gehaltenwerden bedienen – ja sogar stillen. Das zu sagen ist mir ganz wichtig, weil ich nach diesem Seminar noch viel stärker in mir ruhe und mich bei Auseinandersetzungen ungewöhnlich entspannt fühle. In mir und der Mehrzahl der Teilnehmer konnte ich solche Prozesse gewachsener Selbstliebe beobachten, deren Gewahrwerden mitunter schmerzhaft war und phasenweise für nachdenkliche Tränen sorgte. Mir war, als seien wir für die heutige, beschleunigte Welt biologisch nicht gemacht und als stumpfen die Sinne angesichts der zunehmenden Reizüberflutung immer mehr ab, wo hingegen in so einem Kurs diese Sinne auf fast spielerische und doch sehr respektvolle Weise wieder geweckt werden. Und für diese Umstellung war ausreichend Zeit da.

2. Die fundamentale und heilende Wirkung des Gehaltenseins im Dienste der Selbstliebe
Zumindest mal die älteren Teilnehmer (Altersspektrum im Kurs: von 24 bis 65 Jahren) kennen die Auswirkung wilhelminischer, frühkindlicher Erziehung, in der die frühe Abhärtung von Säuglingen Vorrang genießt und jeder modernen Bindungstheorie Hohn spricht: Babys zur Lungenkräftigung schreien lassen; Hautkontakt nur bei der hygienischen Versorgung; bloß keine Verwöhnung und derlei Unsinn sind durchaus heute noch im Umlauf. Die daraus resultierenden Lernerfahrungen und tief verankerten Glaubenssätze hinterlassen bis heute Spuren körperlicher Entfremdung, mangelnder Selbstliebe und gestörter Nähe-Distanz-Regulierung mitsamt dem ganzen Spektrum der Stressphänomene und psychosomatischen Störungen. Wesentlicher Bestandteil der beigebrachten Tantra-Massagen im Kurs waren hingegen langsame, lang anhaltende Phasen des körperlichen Gehaltenwerdens (fast wie bei einem Baby), des geduldigen Rahmengebens und sorgfältigen Achtens auf angemessenes Schritthalten mit dem, was das Gegenüber an Bereitschaft und Grenze signalisiert. Die Langsamkeit des Vorgehens und die Aufforderung zu klarer Signalgebung, was gefällt oder unangenehm ist, ermöglichten die Entfaltung von Sinnlichkeit in einem Gefühl von großer Sicherheit. Ich selbst habe mich dabei gewundert, wie wenig erregt ich bei der vielen Nacktheit attraktiver Menschen und sinnlicher Berührung war. Stattdessen war ich extrem berührt und dankbar bei diesem Gehaltenwerden und den hingebungsvollen Berührungen voller Zartheit und auch Kraft. Es war wie ein Auftanken von etwas, das mir lange gefehlt hatte. Nach dem Kurs ertappte ich mich immer wieder dabei, wie gerne ich mich plötzlich einfach so am Arm oder Hals streichle und sogar öfter ein Vollbad nehme, was ich vorher nie machte – einfach, um umschlossen zu sein. Seitdem lebe ich dauerhaft in einer vorher selten gekannten Körperruhe und staune über die Selbstverständlichkeit, mit der ich meine Bedürfnisse sensibler wahrnehme.

3. Die Wiederentdeckung der kindlichen Freude an Nacktheit und Körperspiel
Wenn man nackte Kleinkinder beim gemeinsamen Spielen beobachtet, sieht man sehr schnell, wieviel Freude sie daran haben, sich gegenseitig anzuschauen, zu berühren und mit ihren Körperöffnungen zu spielen. Ein allseits natürlicher Vorgang! Erziehung verzieht diese natürliche, kindliche Sinnlichkeit, wenn sie ideologischen Vorgaben folgt. Wiederum mit den Folgen hemmender Ängste, Schamgefühle und dogmatischer Glaubenssätze, die alle Freiheit kaputtmachen. Im Kurs wurden nackte Begegnung und sinnliche Berührung über die Stufen „Gut verständliche Aufklärung“, „Ausführliche Live-Demonstration durch die erfahrenen Trainer“ und „Begleitete Eigenerfahrung“ (6 Profis für 37 Personen) in meistens wechselnden Zweiergruppen in einem einzigen großen Raum wirklich so nett und natürlich erlebt, dass niemand etwas dabei fand, sich anderen bei sinnlichen Intimberührungen zu zeigen bzw. solche bei anderen zu sehen. Obwohl es tiefgreifende Erfahrungen waren, hatte es gleichzeitig Übungscharakter: Unsicherheit, Fragen, Fehler – alles erlaubt. Das Ganze hatte trotz der Sinnlichkeit und Intimität eine Leichtigkeit und Witzigkeit, die ich außergewöhnlich fand. Oft hörte ich: „Das kann man draußen keinem erzählen!“ Auch bei Tisch wurde mit einer erfrischenden Offenheit über sehr persönliche und intime Themen gesprochen und gelacht, so als sei es das Natürlichste der Welt, sich anderen so zu offenbaren. Entsprechend ausgeprägt war dann auch die Nähe und Verbundenheit, die unter den Teilnehmern entstand, so als würde man sich schon Jahre als gute Freunde kennen.

4. Die entspannte Körperlichkeit ohne Absicht auf Bindung oder Sexualverkehr
Bis dato lernte ich derart intensive Körperlichkeit entweder mit der Absicht, eine perspektivorientierte Bindung mit einer Frau einzugehen oder mit ihr eine sexuelle Affäre zu entwickeln. Im Kurs war diese Absicht zumindest bei mir nicht vorhanden. Und tatsächlich war es gerade bei der Intimmassage trotz Erregung ein seltsames Gefühl von Klarheit, dass das hier nur für diesen Moment gilt. Bei der nächsten Übung kam ein anderer Partner, der auch gleichgeschlechtlich sein konnte. Und das war wirklich eine schöne Erfahrung, als Mann einen Mann hemmungslos zu massieren bzw. sich von einem Mann intensiv intim berühren zu lassen. Und es war so schön gleich gültig – gleiche Gültigkeit für Mann und Frau. Es ging um MEIN sinnliches Erleben – egal wer mir diese Erfahrung schenkte. Unglaublich. Und es war gleichermaßen schön.

5. Die tiefe Sehnsucht nach Verehrung der gegenseitigen Geschlechtlichkeit
Ein wunderschönes Element im Kurs war die Auftrennung der Teilnehmer in Männer und Frauen, um zu überlegen, mit welchem Ritual man das andere Geschlecht ehren könnte. Ich fand diese Haltung, dass Männer die Frauen und deren Weiblichkeit (auch spirituell im Yin-Prinzip) und dass Frauen die Männer und deren Männlichkeit (Yang-Prinzip) ehren, richtig schön. Beide Gruppen hatten sich extrem berührende Rituale geschenkt, sodass über der Hälfte aller Teilnehmer die Tränen in den Augen standen. Für mich war es so, als hätte ich mein Leben lang auf so einen Moment gewartet (ohne allerdings zu wissen, dass ich warte). Der ganze Körper zitterte vor Ergriffenheit schon in der Vorbereitungsphase und konnte sich sowohl beim Beschenktwerden als auch beim Schenken kaum halten, so überwältigend schön war diese mächtige Geste. Und die Männer waren am Ende noch von ihrer gemeinsamen Männlichkeit zu Ehren der Frauen ergriffen. Für mich war das der Höhepunkt des Kurses. Gleichzeitig wurde mir schmerzhaft deutlich, wie wenig ich diese Art von Ehrung bei meinen Partnerinnen beachtet habe. Wieder Tränen.

Besondere Anerkennung verdienen:
1. Die hochprofessionelle Organisation dieses Grundseminars
Als Arzt und Therapeut habe ich eine Vielzahl von Tagungen, Fortbildungen und Workshops erlebt und glaube, mir ein Urteil über die Professionalität von solchen Fortbildungsveranstaltungen erlauben zu können. Dieses Seminar war von Anfang bis Ende ungewöhnlich gut durchorganisiert und vorbereitet, so wie ich das selten erlebt habe. Gleichzeitig blieben alle Trainer sehr präsent, flexibel und bereit für Unvorhergesehenes, menschlich nahbar und doch höflich abgrenzend und erzählten mit liebevoller Authentizität praxisrelevantes und anwenderorientiertes Wissen über achtsame Sexualität, das mir sogar bei meiner 2-jährigen Ausbildung zum Sexualtherapeuten fehlte. (Und die war wirklich alles andere als schlecht.) Ein echter Mehrwert!

2. Die stabile Rahmung und umsichtige Versorgung der Teilnehmer
Bei intimen Begegnungen dieser Art ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass eigene schmerzhafte Erfahrungen im Umgang mit Nähe (z.B. nach Vertrauensverletzungen) und Distanz (z.B. Angst, abgelehnt oder allein gelassen zu werden), geschweige denn Grenzverletzungen wach werden und zu überwältigenden Prozessen führen können. Das habe ich einige Male mitbekommen. Ich hatte durchweg das Gefühl, dass die Trainer, die ja alle keine Therapeuten waren, sehr aufmerksam die Dynamiken aller Teilnehmer im Auge hatten und sich darüber auch untereinander austauschten und sofort auf die entsprechenden Teilnehmer zugingen, zuweilen separat mit ihnen in einem geschützten Raum sprachen und sich um sie kümmerten. Weiterhin hatten sie ein gutes Gespür für die Gruppendynamik, wenn Ermüdungserscheinungen oder Verunsicherungen auftauchten, und gingen sofort darauf ein. Immer wurde auf die Vollständigkeit der Gruppe geachtet und mit echter Sorge, als eine Teilnehmerin unangemeldet einfach abgereist war, ob sie denn auch gut versorgt sei. Und ohne dass viel gesagt werden musste, fügte sich die ganze Teilnehmergruppe fast von allein in eine Gruppendisziplin, die ein ungestörtes und konzentriertes Arbeiten ermöglichte. Regelmäßige Feedback-Runden in Klein- und Großgruppen sorgten dafür, dass die Stimmung transparent wurde und das ausgeprägte Ausdrucksbedürfnis gestillt werden konnte. Bei den praktischen Übungen beobachteten die Trainer aufmerksam das Geschehen vom Hintergrund und spürten gleich, wenn es bei dem einen oder anderen Paar zu Unsicherheiten kam und gaben gute Hilfestellungen. Wirklich eine bemerkenswert gut eingespielte Truppe.

3. Die Liebe zum Detail
Was mich zudem beeindruckte, war die Liebe zum Detail. Das betraf neben hochwertiger technischer Ausstattung incl. anatomischen Anschauungsmaterials vor allem die liebevolle Dekoration; wundervoll stimmige und nahezu perfekt abgestimmte Musik sowohl als Hintergrundmusik als auch zu den verschiedenen Phasen des Tages; dezente Düfte; gedimmtes Licht; üppige, ansehnliche Pausenverpflegung; gut gemachtes Infomaterial; sorgsame Aufklärung über die weiteren Schritte und Phasen des Tages; gemeinsames Mantrensingen und Tönen; und am Ende ein unerwartet feierliches Fest mit einer Erhabenheit, die alle ergriffen hat.
Die Wirkung der Liebe zum Detail wurde mir aber auch in den eigenen Massagen deutlich. Wenn zum Abschluss einer Ausstreichung nochmal so eben die Finger- oder Zehenkuppe gedrückt wurde, ein Hauch über die nackte Haut glitt, die Haare wie zufällig gezogen wurden, ein kurzes Trippeln hier, ein wie beiläufiges Vorbeistreichen am Penis dort oder gar die Nutzung von Gegenständen wie Seidentuch, Federn und so – alles kleine Gesten der Aufmerksamkeit, die dennoch sehr nachhaltig Freude bewirkten und die Offenheit für den Partner steigerten: „Da hat sich jemand etwas für mich in diesem Moment ausgedacht.“ Das ehrt so wie sorgsam ausgesuchte Geschenke. Alles nichts Neues, aber hier unmittelbar fühlbar, und zwar in Überdosis.

4. Das Privileg konkreter und anwendungsorientierter Demonstrationen
Wenn es in meinem therapeutischen Kontext Fortbildungen für die Praxis gab, dann waren die praktischen Übungen immer die Highlights. Das betraf sowohl das Arbeiten mit echten Probanden/Patienten als auch Rollenspiele, die den höchsten Lernwert hatten. In diesem Seminar gab es zu jedem Schritt in der Massageausbildung eine ausführliche praktische Demonstration durch die Trainer, während alle Teilnehmer drumherum saßen. Und die lebten einem eine unglaubliche Unbekümmertheit mit ihren nackten Körpern vor, die enthemmend wirkte, sodass sich niemand sorgen musste, ob das Aussehen des Körpers oder ungelenke Bewegungen irgendwie stören würden. Auch wenn es unter den Teilnehmern zu Beginn schon diese Sorge gab, so gab es aber mit der Zeit eine ähnliche Unbekümmertheit, die sich am Ende als lustvolle, hemmungslose Freude entwickelte. Ich empfand es als unglaubliches Privileg, dass eine Intimmassage vor aller Augen eine dermaßene Tiefe und Liebenswürdigkeit vermittelte, die sehr berührte – fast als würde gerade so etwas wie ein heiliger Raum entstehen. Und das hatte nichts Voyeuristisches. Es war einfach so, wie es war und in seiner hingebungsvollen Einfachheit nur schön anzusehen. Durch das in Etappen Gesehene war es im Nachgang relativ gut nachzuvollziehen, auf was es wo genau ankommt.

Ausblick:
1. Wie wirkt sich so eine Woche im Vergleich zu vorher aus?
Der auffälligste Unterschied ist die erheblich gewachsene körperliche Ruhe einerseits und ungewöhnliche Gelassenheit im direkten Kontakt mit Menschen andererseits, vor allem in spannungsreichen Momenten. Viele kleine Tätigkeiten im Alltag, also Bewegungen, wo ich etwas tue, erlebe ich einerseits langsamer und bedächtiger. Und das gibt mir wiederum mehr Raum und Kraft für flotte, schwungvolle Bewegungen in anderen Kontexten. Das Pendel zwischen Langsamkeit und Schwung schlägt also stärker aus; das gibt ein besonderes Gefühl von Lebendigkeit.
Eine verzückende Beobachtung ist, dass ich mehr mit mir selbst rede, und zwar auf eine warmherzige, verständnisvolle Art, so als wollte ich das kleine, verletzte Kind in mir umarmen und trösten. Ich bin also mehr bei mir und kann andere mit ihren unpassenden Erwartungen und Vorstellungen mehr so sein lassen, wie sie sind, und zwinkernd nachwinken. In ähnlicher Weise gelingt es mir etwas leichter, meine Bedürfnisse nicht nur wahrzunehmen, sondern mich auch darum zu kümmern, und zwar vorrangig. Mit dem Ergebnis, dass mich das zu Erledigende nicht mehr erledigt. Mehr Freiraum also.
Der innige Kontakt zur Ehefrau hat sich auf einen unspektakulär wohltuenden Kurs eingenordet. Das Ehren des Weiblichen hat eine starke Präsenz bekommen, auch wenn die alten Gewohnheiten noch sehr mächtig sind und nicht immer so recht zu diesem hehren Anspruch passen wollen. Gleichwohl schärft sich der neue Blickwinkel zusehends. Das bestärkt mich darin, diese Profi-Ausbildung fortzuführen, denn es wird – ähnlich wie in der Ausbildung in Systemischer Therapie – das wiederholte Training sein, dass die innere Haltung so nach und nach verändert. Aber da möchte ich hinkommen.

2. Wie kann ich die Erkenntnisse achtsamer Lebenshaltung und Sexualität im Alltag leben?
Was ich ernst nahm, war die klärende Wirkung von Ritualen, die eine Grenze ziehen zwischen einer Zeitphase und einer anderen. Kurz innehalten. Etwas schön machen und sorgfältig vorbereiten. Klarer Anfang – klares Ende. Das mache ich nun in Bereichen meines Zuhauses, in denen insbesondere selbstfürsorgliche Qualitäten gefragt sind, also dort, wo ich esse, trinke, schlafe, mich wasche und pflege und eben intime Begegnungen habe. Die unbedachte Vermischung solcher Zeitphasen und Räume trug ihren Teil dazu bei, dass ich mich über diese unklare, verdichtete und reizüberflutete Welt ärgerte, in der ich lebe.
Einen wichtigen Beitrag leistete auch die Entrümpelung des Schlafzimmers von Dingen, die eher in eine Abstellkammer gehören. Wenn ich daran denke, wie sorgsam im Seminar die Ausschließlichkeit für den sinnlichen Moment gehütet wurde und wie wenig ausschließlich das in den eigenen vier Wänden passierte, dann stimmte das traurig. Ich wollte nicht mehr in dieser Traurigkeit sein. Die gegenteilige Wirkung entfaltete sich von dem Moment an, wo diese Räume bewusst und mit Liebe zum Detail hergerichtet und als solche auch geschützt wurden. Überhaupt bekam ich mehr Lust aufs Ordnen, Entmüllen und Entsorgen und die Konzentration auf Wesentliches. „Die Dosis macht das Gift,“ zitieren Mediziner immer wieder den alten Paracelsus.

3. Es gibt doch keinen Osterhasen!
Während des Seminars, wo es neben den anatomischen Besonderheiten der Geschlechtsorgane vor allem um die Anatomie lustvollen sexuellen Erlebens bei Mann und Frau ging, wurde mir in den Vorträgen und den praktischen Übungen manchmal peinlich deutlich, dass ich das, was ich früher für guten Sex bzw. einen guten Liebhaber hielt, zum Teil in die Tonne kloppen konnte. Das Aufräumen mit Mythen von sich selbst ist so bedrückend wie köstlich. Der wesentlichste Eindruck war die eigene Entlastung, dass es nicht um gekonnte Techniken geht, sondern um genaues Hinschauen, Hingabe und Sich-Schenken. Zudem bietet die sinnliche Ganzkörpermassage ein so reiches Erlebensfeld, das mir die Reduktion von Sex bloß auf Geschlechtsverkehr wie ein „Verbrechen“ erscheint. Angesichts der Erlebnisfülle wird Geschlechtsverkehr am Ende viel weniger wesentlich und ist allenfalls nur eine von vielen Aktionen beim Sex. Ich halte es für wesentlich, dass ein derartig natürlicher und sinnlichkeitsausgerichteter Zugang zu Sexualität in die Jugendlichenerziehung fallen sollte. Sonst ist es nämlich die frei zugängliche Pornographie mit ihrem sinnlichkeitsfernen, unwürdigen Rumgehacke, die den Job für unsere Kinder übernimmt. Sie suchen ja nach solcher Orientierung – weil sie es brauchen. Dann soll man auch was richtig Gutes anbieten. Jeder blöde Reitunterricht beginnt mit ausführlicher Einführung über die Eigenarten von Pferden und schrittweisem Umgang mit ihnen. Tantra-Massage bietet das auch.

4. Wie erkläre ich den Geschmack einer Erdbeere?
Als ich hörte, dass Tantra-Massage kürzlich unter das Prostituiertenschutzgesetz fiel, fiel mir ein Ei aus der Hose. Wenn Definitionen so wenig Differenzierung ermöglichen, geraten unter so einen Kahlschlag auch Pflanzen, die da gar nicht hingehören. So eine Differenzierung verlangt aber nach einer ausgedehnten Auseinandersetzung mit Körperlichkeit und Sexualität als Geschäftsmodell, das nach wie vor als tabuisierte Grauzone der Gesellschaft betrachtet wird und aus Unkenntnis vielen Vorurteilen und Vorverurteilungen ausgeliefert ist. Das impliziert, dass man auch sauber trennen muss zwischen Methodik einerseits und deren Anwendern andererseits. So möchte man Kirchen auch nicht gerne als Sekten und Kinderfickervereine verstanden wissen, obwohl die Kriterien für Sekten fast vollständig auf sie übertragbar sind und Kindesmissbrauch in ihnen gefühlt an der Tagesordnung ist.
Ich für meinen Teil möchte die Vielfalt dieses Zugangs zu sich selbst – und Sexualität gehört unbedingt dazu – weiter kennenlernen und weiterentwickeln, und zwar in echt, weil ich das als wirklich umfassende Persönlichkeitsentwicklung erlebe, die weitaus stärker wirkt als das, was im Coaching-Bereich dazu angeboten wird, noch dazu für horrende Summen. Und als praktizierender Arzt und Therapeut werde ich keine Hemmungen haben, meinen Patienten Tantra-Massagen als heilsame Persönlichkeitsentwicklung zu empfehlen. Natürlich nicht für jede Indikation und nicht bei jedem Anbieter. Auch der eleganteste Mercedes kann in der Hand von Nichtkönnern zur zerstörerischen Waffe werden und Schaden anrichten. Das ist bei uns Ärzten aber genauso. Mit dieser Streuung von Kompetenz müssen wir leben, selbst wenn es professionelle Schulungen, ethische Rahmenrichtlinien und Zertifizierungen gibt. Insofern kommen wir nicht drum herum, von einer Erdbeere zu kosten, wenn wir wissen wollen, wie sie schmeckt. Wenn einem Erdbeeren dann nicht schmecken, sagt das nichts über die Erdbeere aus.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Marco de Carvalho